WBB Kolumnen im September 2011

Peter Rapp

 

Die lieben Kinder
„Hallo Leser! Hallo Redaktion! Ihr habt mir sooo gefehlt!  Endlich ist die Sommerpause zu Ende!“

Sagt einer: „Nach jedem Urlaub ist meine Frau schwanger!“ „Wie viele Kinder habt Ihr denn schon?“ „Acht!!“ „Na, dann musst Du jetzt aber etwas dagegen unternehmen!“ „Freilich! Heuer fahr ich mit!“ 

Der Wiener nennt die eigenen Kinder gerne  „Gschroppen“ und die Anderer, wenn sie zum Beispiel durch Lärm stören,  gerne „Bangerten“. Nun, „Gschroppen“ geht ja, weil es die Bezeichnung für einen kleinen Menschen oder ein Kind ist. Da geht allerdings auch „Ozwickter“ oder „Gsteammel“. Ist der „Ozwickte“ dünn, dann kann er auch ein „Zniachterl“ sein.

 „Bangert“ ist heikel, weil es ursprünglich die Bezeichnung für ein uneheliches Kind ist.

Beim „Wechselbalg“ hätte ich angenommen, dass es sich um ein Kind handelt, dass in den Wechseljahren einer Frau gezeugt wurde, ist aber weit gefehlt. Es ist eher ein „Kuckucksei“, also ein, dem Ehemanne unterschobenes Kind.

Überhaupt hat der Wiener so viele Bezeichnungen für uneheliche Kinder, dass man daraus fast schon ein Sittenbild ableiten könnte. Das soll neuerdings auch für Steirer mit Muskeln gelten.

Richtig böse ist für ein Kind die Bezeichnung „Bastard“. Eine Herabwürdigung, die man vor Allem dort findet, wo adelige Herren mit Frauen geringerer Herkunft Kinder gezeugt haben. In Romanen kämpfen zumindest die männlichen „Bastarde“ um Anerkennung und Erbe. Wenn es aber um den Hund geht, dann ist das „Bastardl“ das Lieblingstier der Wiener.

 In dem Film „55 Tage Peking“ sagt ein Priester zum Charlton Heston: „Irgendwie ist ein Mann der Vater jedes Kindes!“ Der Gedanke gefällt mir. Nach der Pause bin ich noch nicht richtig auf „Betriebstemperatur“.

 Sollte es also meinem „Schattenmann“ Dieter gelingen, zu einer der oben angeführten Bezeichnungen die Herkunft ableiten zu können, wäre ich wieder einmal schwer beeindruckt.   

Dieter Chmelar

Ballawatsch, G’spusi und pamperletsch! Dieter Chmelar über … den molto bello Einfluss ltaliens auf unsere Umgangssprache:

 

Falott, Hallodri, G’spusi, -Gitzi und Zigurri – all das verdanken wir Goethes Land, wo die Zitronen blühen. Also: Andiamo quattro! (Gemma vire ...)     La donna è mobile,  die Verdi-Arie (Rigoletto, 1851), heißt übersetzt „Ach, wie so trügerisch sind Frauenherzen“ und nicht: „Die Frau hat ein Auto (oder ein Handy)“ – Italienisch ist schwieriger, als es die Speisekarten im Urlaub vermuten ließen!

Dabei verdanken die Wiener ihren südlichen Nachbarn so viele versteckte Vokabeln …
 Der Ballawatsch für ein heilloses  Chaos kommt vermutlich von „Balordagine“, dem Tölpel. Das Gspusi, eine Art Liebesabschnittspartnerin des Hallodris – von „Allotria“ für Schabernack und Unfug –, geht auf „Sposa“ zurück, die Verlobte.

 Und Falott war stets der, der dem Glücksspiel statt einer Arbeit frönte – „Fa Lotto“ (er spielt Lotto). Auf solchene Typen hat man oft einen Gitzi – also an Zurn (von „guizzare“: Auszucken) und man möchert ihnen gern eine auf’n Zigurri („Cicoria“ = Zichorie) „geben“, sprich: auf die Nase, vor allem, wenn ihre Umtriebe gar einen Pamperletsch („Bamboleccio“: Bankert, ein auf der Bank und nicht im Ehebett entstandenes Kindlein) zur Folge haben ...

 P.S.: Schon jetzt bitte vormerken – unsere „Kriminacht“ am
20. September im „Café Hummel“.

Dort werden der Rapp & ich vom Alt- und Großmeister des Gänsehaut-Genres, Edgar Wallace, Grusliges berichten. 

Rapp Kolumne WBB Nr. 28 „Obezahrer“ 

„Hackeln“ geht man in die „Hockn“. Aber eine Zeitlang ging jeder zweite Beamte nicht mehr in die „Hockn“ sondern in die „Hackler Pension“. Das meldeten jedenfalls renommierte Zeitungen. „Hackler Regelung“ war das Wort 2003, fand Einzug in das „Österreichische Wörterbuch“ (das es schon vor dem ersten Weltkrieg gab) und verursachte dem jeweiligen Finanzminister schlaflose Nächte.

Ich meine, „hackeln“  kommt aus der Holzwirtschaft, so, wie der „Obezahrer“. So bezeichnet der Wiener einen Nichtstuer, einen Faulenzer. Die Sprachgelehrten nennen solche  Ausdrücke „Austriazismen“ und das klingt toll!

 Also der „Obezahrer“ war einer von zwei Männern an der großen Handsäge. Die Bezeichnung stammt  aus der Zeit, wo das Holz noch von Hand bearbeitet wurde. Der Eine zog an der Säge und das Blatt fraß sich tiefer ins Holz, der Andere zog die Säge zurück und das war wesentlich leichter, er war der „Obezahrer“. Wenn also einer die Arbeit macht und ein anderer davon profitiert, ist er ein „Obezahrer“!

Holz spielt in unserem schönen Land eine große Rolle. In dem Zusammenhang fällt mir ein, dass mir eine Frau „Kapitän“ der Donauschifffahrt erzählt hat, dass ihr Vorfahre noch mit Flößen auf der Donau unterwegs war und er als Flößer nur Nichtschwimmer aufnahm. Der Grund war simpel. Wenn es „brenzlig“ wurde rettete sich der Schwimmer ans Ufer, der Nichtschwimmer blieb beim Holz, das in den Augen der Unternehmer wertvoller war, als das Leben eines Menschen.

PS.: Jetzt erlaube auch ich mir einzuladen zur „Kriminacht“ am 20. September im Kaffee Hummel in der Lerchenfelderstrasse. Thema ist „Edgar Wallace“ und Dieter und ich werden es launig präsentieren. Spruch des Tages: „Ich habe einen Tinnitus im Auge. Ich sehe nur noch Pfeifen! 

blunzenstricker, BAHÖÖ & BRACHOLDER 

Dieter chmelar über
… zu Unrecht gering geschätzte Tätigkeiten (wie das kunstvolle Abbinden gefüllter Wursthäute), über die Vielfalt der Wörter für Wirbel und über den wohlklingendsten Wiener Begriff für einen ziemlich rohen Gewaltakt.  

Nachdem mein sonniger Schatten-Kollege Peter Rapp zuletzt über den „Owezahrer“ räsonierte – Sie erinnern sich: Das war derjenige Holzknecht, der beim (Zwei-Mann-)Sägen nicht den kräfteraubenden Druck, sondern nur den „leichten“ Zug zurück auszuüben
hatte –, widme ich mich diesmal respektvoll den
Anzahrern.

Also all jenen, die barabern (vom oberitalienischen Barabba für  ländliche Wanderarbeiter) und tschinagln (angeblich vom Nageln der  Eisenbahnschienen).
Häufig sind wichtige und ehrenhafte Berufe zu Herabminderungen verkommen: Saf’n-
siada (= Hersteller von Waschbehelfen) oder Wirschtlwarma(= Erhitzer von Darmhäuten)
etwa, aber auch die kunstvolle Hack’n des Blunzenstrickers – das war einmal jener, mittlerweile längst maschinell nachbesetzte, Fleischersmann, der die endlose Wurst zu handlichen Würsten abband. Würde man Sie so beschimpfen, gäb’s an Bahöö (jiddisch: Beholo für Wirbel), an Wickel, a G’wirks (Gewürge?) oder am End’ gar an Bracholder. Das ist wohl die zärtlichste Verniedlichung roher Gewalt (harmlos dagegen: die Verkehrte, die man übrigens jemandem umhängt).

Weiß der
Peter, was a Bracholder is’? Hinweis: Nein – nix zum Trinken!

Lesen Sie nächste Woche wieder Peter Rapps tiefe Blicke in die Wiener Seele